Tastsinn – berühren und berührt werden!

Unsere Haut schützt uns vor Kälte, Hitze, Strahlungen und chemischen Substanzen. Sie bildet eine Barriere für Keime und Schmutz und reguliert über Schweiß unsere Körpertemperatur. Wenn wir berühren oder berührt werden, ist sie die Schnittstelle zur Außenwelt. Durch sie nehmen wir uns selbst und unsere Umwelt wahr. Sie ist das größte unserer Sinnesorgane, umfasst eine Fläche von rund zwei Quadratmetern und wiegt bis zu zehn Kilogramm.

Wichtige und unwichtige Informationen
Unsere Haut besteht aus drei Schichten. In allen Schichten befinden sich Sinneszellen. Durch sie nehmen wir alle Reize auf, die auf unsere Körperoberfläche einwirken. Von dort werden die Reize als elektrische Impulse an das Rückenmark weitergeleitet, von dort gelangen sie in das Gehirn. Hier werden die eintreffenden Reize lokalisiert und die damit verbundenen Informationen interpretiert und bewertet. Unser Gehirn trennt hierbei zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Informationen. Würde unser Gehirn alle eingehenden Tastsinnesreize dauerhaft als neu und wichtig einstufen, z. B. das Gefühl von Kleidung auf der Haut, würde es schlichtweg zu einer Überlastung führen. Dem Gehirn helfen hierbei verschiedene Arten von Sinneszellen, die je nach ihrer Aufgabe, Reize schnell und dauerhaft wie beim Schmerz oder langsam und kurzzeitig wie beim Tragen von Kleidung weiterleiten.

Wo wir anfangen und aufhören
Interessant ist, dass wir durch unseren Tastsinn auch ein Gefühl für uns selbst entwickeln. Machen wir als Kind vielfältige Erfahrungen über unsere Körperoberfläche, sei es, dass wir viel „be-greifen“, oft in den Arm genommen werden, uns beim Spielen und Toben stoßen oder hinfallen oder viel barfuß laufen. Alle diese Wahrnehmungen helfen uns, uns nicht nur ein Bild von der Welt zu machen, sondern auch zu lernen, wo unser Körper anfängt und wo er aufhört. Wir entwickeln also ein Verständnis von den Ausmaßen unseres Körpers.

Wo und wie bin ich?
Dass wir wissen, wo sich unsere Füße unter dem Tisch befinden, wir bei geschlossenen Augen mit dem Finger unsere Nasenspitze treffen und das unser Gehirn weiß, ob wir liegen oder stehen, hat ebenfalls etwas mit dem Tastsinn zu tun. Zuständig hierfür ist die Propriozeption, der Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung im Raum und der Lage einzelner Körperteile zueinander. Spezielle Rezeptoren in Muskeln und Gelenken vermitteln uns die Informationen über Bewegungen, Haltung und die Position unseres Körpers im Raum.

Berühren und berührt werden
Durch den Tastsinn nehmen wir unsere Umwelt durch zwei verschiedene Wahrnehmungsarten wahr, der taktilen und haptischen Wahrnehmung. Die haptische Wahrnehmung umfasst unser eigenes aktives und bewusstes Erfassen und Berühren von Gegenständen und Lebewesen. Durch sie nehmen wir z. B. Größe, Kontur, Struktur, Material, Temperatur, Aggregatzustand und Masse des berührten Objektes wahr. Schon Babys haben ein starkes Bedürfnis, alles anzufassen.

Die taktile Wahrnehmung beschreibt wiederum alle passiven, von außen auf uns wirkende Reize, wie Berührung, Druck, Vibration, Temperatur und Schmerz. Vor allem der Schmerz hat eine überlebenswichtige Funktion für uns. Er bewahrt uns vor schlimmeren Verletzungen und lässt uns z. B. sekundenschnell die Hand von der heißen Herdplatte nehmen. Aber auch die Fähigkeit Berührungen wie Streicheln oder eine Umarmung zu spüren, übernimmt eine entscheidende Rolle für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Allein schon bei einer Umarmungen wird das „Glücks“-Hormon Dopamin und das „Kuschel“-Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das gegen Stress wirkt, den Blutdruck senkt, die Muskeln entspannt, Stresshormone verringert, Ängste und Schmerzen lindert, unser Immunsystem stärkt und uns Geborgenheit vermittelt. Dabei ist es fast egal, wer uns berührt. Wenn wir uns selbst umarmen oder uns nach der Dusche eincremen, passiert biologisch das gleiche, als wenn wir von einer anderen Person berührt werden. Berührungen von vertrauten Menschen wirken jedoch intensiver.

Im Alter werden wir kaum noch berührt
Vor allem ältere Menschen, die allein, ohne Familienanschluss oder in Pflegeeinrichtungen leben, werden kaum bis gar nicht mehr oder im Rahmen der Pflege oft nur noch funktional berührt. Bei fehlender Berührung kann es jedoch zum Gefühl der Einsamkeit und Unruhe kommen, das körperlich und seelisch krank machen kann. Daher kommt vor allem in der Arbeit mit Senioren und an Demenz erkrankten Menschen der Berührung eine große Bedeutung zu – jeder hat ein Recht auf Dopamin und Oxytocin.

Berührung durch Naturmaterialien
In der Gartentherapie können wir zum Einen ein Vertrauensverhältnis aufbauen, dass zum Zulassen von Berührungen führen kann – bei jeder Berührung eines Klienten sollte jedoch immer der Wunsch oder die Ablehnung von Berührungen akzeptiert werden! Zum Anderen bietet die Natur ein manigfaltiges Angebot zur basalen Stimulation, also zur elementaren Anregung der Sinne z. B. für Menschen mit Demenz, im Wachkoma, desorientierte und verwirrte Menschen, psychisch kranke Menschen, sterbende Menschen, bettlägerige Patient*innen und Menschen, die körperliche Nähe brauchen. Hier können als Vorstufe zur körperlichen Berührung Gräser, Federn, Moos oder andere Naturmaterialien verwendet werden, um die Klient*innen zu berühren und den Tastsinn (wieder) anzusprechen und zu stimulieren.

Berührung und körperliche Nähe sind ein Grundbedürfnis, und dass ein Leben lang – von der Geburt bis zum Tod. Wir sollten unsere Liebsten daher einmal mehr in den Arm nehmen, ihre Hand halten oder auf Kuschelkurs gehen.